Goldener Boskop
 
Improtheaterfestival Aschaffenburg

Interview zum 5jährigen Jubiläum vom Aschaffenburger Improtheaterfestival GOLDENER BOSKOP

am 30. September 2017 um 19.30 Uhr

im Stadttheater Aschaffenburg


Das Interview mit den Organisatorinnen und Moderatorinnen des Festivals,

DIE TABUTANTEN alias Christine Gopi Holzer (CGH) und Simone Schmitt (SiSch), 

in voller Länge:


F: Wie lange gibt es denn bereits das ImprovisationstheaterDuo DIE TABUTANTEN?

CGH: Acht Jahre?

SiSch: Seit ungefähr acht Jahren, es war so ein fließender Übergang von einem größeren Ensemble zu unserem Duo für Spontanes Schauspiel.

F: Sicher gibt es noch Menschen, die noch nie bei einer Improtheatervorstellung waren. Vielleicht mögt Ihr es kurz erklären?

SiSch: Improvisationstheater ist eine spezielle Theaterform, die ohne Textbuch und Drehbuch auskommt. Alle Szenen werden in dem Augenblick auf der Bühne entwickelt. Der Zuschauer ist live dabei, wenn die Schauspieler/-innen als Autoren, Regisseure und Spieler gleichzeitig agieren.

CGH: Das Gute ist, dass wir keinen Text lernen müssen (schmunzelt), dafür aber viele andere Techniken.  

F: Das stelle ich mir schwierig vor. Und das geht nie schief?

CGH: Was ist schief gehen? Auch wenn etwas schief geht, kann es dennoch reizvoll sein.

SiSch: Es ist wie das Leben selbst, mal gibt es schöne Szenen und mal weniger schöne. Manche Momente will man gerne vergessen und andere nicht loslassen. Es gibt Handwerk und Techniken, die man als Improtheaterschauspieler/-in lernt und trainiert, der andere teilweise noch viel schwierigere Teil ist das Vertrauen in den Moment. Was im Alltag bereits schwer gelingt, wird hier zum Schlüssel dieser speziellen Kunstform. Weniger voraus planen, mehr im Augenblick da sein und annehmen, was jetzt da ist.

F: Ihr sprecht von Handwerk und Techniken, was genau kann der Laie sich darunter vorstellen?

CGH: Wir trainieren, sich gegenseitig zu vertrauen. Das ist die Grundlage. Ohne das, geht nichts im Improtheater.

SiSch: Auf jeden Fall sind es die Schauspieltechniken, die man lernt und spezielle Grundprinzipien für das Improvisieren, wie z.B. annehmen, was der Spielpartner/-in vorgibt und darauf aufbauen. Dies ist anders als im Alltag, hier gehen die Menschen oft gegen den Vorschlag eines anderen und denken, ihr Vorschlag sei besser. Diese Vorgehensweise wäre „Gift“ für das Improvisieren. Ein anderes Prinzip ist, dem ersten Impuls vertrauen und den auf die Bühne bringen. Dies ist leichter gesagt, als getan. Der innere Kritiker steht dem Schauspieler meist gerade am Anfang sehr oft im Weg. Keith Johnstone, der kanadische Begründer des modernen Improvisationstheaters empfiehlt: „be average“, „sei durchschnittlich“, das nimmt den Stress und die Hektik raus und in Zusammenarbeit mit den Kollegen wird es eine gute Szene.

F: Wieso habt Ihr Euch ausgerechnet für Improvisationstheater und nicht für anderes Theater entschieden?

CGH: Das war in der Theaterpädagogikausbildung der Bereich, der mich am meisten interessiert hat. Aus meiner Sicht ist es die echteste Theaterform überhaupt. Authentizität aus dem Moment heraus, direkt auf die Bühne...

SiSch: Ich fand diesen Bereich auch am spannendsten.

Improvisationtheater ist für die meisten Menschen, die es praktizieren ein allumfassendes Lebenskonzept. Ich würde sagen, Menschen haben dadurch die Möglichkeit freier zu werden. Nicht an Plänen und festen Ideen zu klammern, sondern spontaner zu werden und loslassen zu können.

Das Faszinierende daran ist, dass im Zusammenspiel mit anderen Menschen etwas Neues entstehen kann, was alleine nicht möglich gewesen wäre. Das ist das Magische. Es gibt Abende, die äußerst magisch sind, wo alles sinnvoll und entspannt zusammen läuft, die Szenen das Publikum berühren und auch zum Lachen bringen, wo Themen des Publikums auf der Bühne zu sehen sind, die nicht laut ausgesprochen wurden, einzig und allein, weil die Themen „im Raum sind“.


F: Wie sehr wird das Publikum in die Gestaltung des Abends mit einbezogen?

CGH: Das ist von Improtheaterformat zu Improtheaterformat unterschiedlich, mal mehr, mal weniger.

SiSch: Das größte Vorurteil ist, dass Zuschauer „auf die Bühne gezerrt werden“. Das ist definitiv nicht der Fall. Das Publikum gibt uns Inspirationen, die wir in Szenen und Rollen umsetzen.

F: Gibt es einen Unterschied zwischen Improvisationstheater und Spontanem Schauspiel?

CGH: Improvisationstheater hat viele Formen und Formate: Szenencollagen, Theatersport...

SiSch: Das Spontane Schauspiel betont stärker das Theatrale, zum Teil werden ganze (neue)Theaterstücke an einem Abend frei improvisiert.  

F: Ist Euer Name DIE TABUTANTEN Programm?

SiSch: Wir wollen mit der Theaterform Spontanes Schauspiel nicht nur lustig sein. Im Gegenteil, indem wir eine kalauerfreie Zone propagieren, entstehen ganz von alleine sehr humorvollle Szenen. Uns reizt es, Tabuthemen achtsam auf die Bühne zu bringen, wie z.B. Tod und Sterben, Sucht, Alter, Geschlechterfragen usw., alles, was das Leben zu bieten hat.

CGH: Unsere Stärke ist es, schwierige Themen mit Leichtigkeit auf die Bühne zu bringen. Aber natürlich spielen wir auch andere Showformate, die einfach nur unterhaltsam sind. Wir werden auch für Feierlichkeiten, AUsstellungseröffnungen und Kongresse gebucht.  

F: Unterscheidet Ihr beide Euch im Schauspiel?

SiSch: Auf jeden Fall. Das ist eine tolle Ergänzung und Erweiterung.

CGH: Ja, und das ist toll! Einfach mal vorbeikommen und sich ein Bild machen *lacht*

F: Kommen wir zum Improtheaterfestival GOLDENER BOSKOP. Das Festival jährt sich in diesem Jahr das fünfte Mal. Was ist das Besondere daran?

CGH: Es ist einfach großartig. Man kann es nicht beschreiben, unbedingt vorbeikommen und ansehen.

SiSch: Als wir vor acht Jahren als Duo angefangen haben,war unser Hauptanliegen den Spirit von Improvisationstheater nach Aschaffenburg zu holen. Seit vielen Jahren entwickelt sich international, aber auch in Deutschland eine große und vielfältige Improtheaterszene mit vielen gut ausgebildeten und passionierten Schauspielern. Wir möchten diese Diversität zeigen und dem Vorurteil begegnen, Improtheater sei Klamauk. Deshalb laden wir bereits seit fünf Jahren handverlesene Spieler/-innen nach Aschaffenburg ein und feiern den GOLDENEN BOSKOP.

F: Wie sehr geht es hierbei um das Gewinnen?

SiSch: Da Improvisationstheater das Gegenteil von Perfektionismus und Leistungsstreben aufzeigen will, geht es beim GOLDENEN BOSKOP zwar um eine Trophäe, aber eigentlich geht es vor allem um Teamgeist und Vertrauen. Es geht darum, den anderen (den Mitspieler) gut aussehen zu lassen (das ist ein weiteres Prinzip im Improtheater) und sich vom Moment und Zusammenspiel überraschen zu lassen.

CGH: Es geht darum, zu erspüren, was die Szene braucht und nicht das Ego.

F: Ihr organisiert das Festival, was sich zusammensetzt aus der Show im Stadttheater und einem Workshop für erfahrene Improtheaterspieler/innen. Welche Rolle habt Ihr an dem Abend des Festivals?

CGH: Wir sind der Rahmen, das Gerüst und die charmante Moderation *lächelt*. Wir genießen das, was im Vorfeld bereits alles gelaufen ist: Organisation, Casting... Wir lassen uns vor Ort dann ebenfalls wie das Publikum überraschen, denn das Programm entsteht ja live.

SiSch: Wir moderieren den Abend und stellen die Herausforderungen, die Aufgaben...Wir holen vom Publikum die Inspirationen und Vorgaben ein.

F: Kann jeder Improvisieren lernen?

CGH: Jeder der bereit ist, schöner scheitern lernen zu wollen, sich selbst zuzuzwinkern und mit Begeisterung dran bleibt. Jeder, der ein Teamplayer ist oder einer werden will...

SiSch: Prinzipiell ja, mitzubringen sind Mut, Freude am Spiel und vor allem Offenheit neuen Erfahrungen gegenüber. Das Wichtigste ist weglassen, nicht gut sein wollen. Die Szenen werden erfahrungsgemäß eher schlecht, wenn man gut sein will. Wir bieten Workshops für Einsteiger/-innen und Erfahrene an. Hier ist für jeden was dabei, für Menschen, die es einfach mal ausprobieren wollen und für Leute, die die Bühne anpeilen. Für´s Leben nimmt man auf jeden Fall etwas mit. Nach dem Freitagsabendworkshop sagen die meisten Teilnehmer/-innen, dass es eine gute Art ist, die Woche hinter sich zu lassen und das Wochenende einzuläuten.

F: Wielange macht Ihr weiter?

CGH: Solange ich wachsen möchte und Sinn darin sehe.


SiSch: Da Improvisationstheater für mich so ist, dass es immer noch was zu lernen und zu erfahren gibt, kann ich mir nicht vorstellen, aufzuhören. Und es gibt soviel Themen, die auf die Bühne MÜSSEN.

F: Vielen Dank für das Interview.


DIE TABUTANTEN:

Simone Schmitt Dipl. Psychologin, Theaterpädagogin, ausgebildete Improtheaterschauspielerin, Coach und Seminarleitung, Yogalehrerin


Christine Holzer Dipl. Sozialpädagogin, Theaterpädagogin, Medienpädagogin, ausgebildete Improtheateraschauspielerin, Coach und Seminarleitung, Yoga und Achtsamkeitstrainerin